1302 :: aut: feuilleton

 

Ausgabe: aut:info 02-2013

Text: Rainer Köberl mit teils wörtlich übernommenen Information von Arch. Hannes Stiefel

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Im Sommersemester 2000 wurde am Institut für experimentelle Architektur der Universität Innsbruck von Volker Giencke das Symposium „The Ethical Function of Architecture“ organisiert. In der Einladung dazu hieß es: „Die Kriterien, nach denen Architektur heute und fast ausschließlich beurteilt wird, nämlich die Erfüllung gestalterischer und funktioneller Werte, haben jene mittelmäßigen Architekturen zum Ergebnis, die heute unsere Stadt- und Naturlandschaften wie eine Infektionskrankheit überziehen. Die Frage nach dem ,höchsten Gut‘ ist eine Frage nach ethischen Werten und mit der Frage nach dem richtigen Handeln und der Frage nach der Freiheit des Willens und der Kunst eng verbunden. Es ist klar, dass der theoretische Diskurs und die philosophische Auseinandersetzung unmittelbar keine situative Verbesserung bringen werden. Sie schärfen allerdings das Bewusstsein für Zusammenhänge und zeigen den Einfluss von Randbedingungen auf. Und schließlich helfen sie zu klären, was es heißt, die Umwelt zu gestalten, also ,neue‘ Wirklichkeit zu schaffen. Schließlich soll die Auseinandersetzung mit moralischen Fragen dazu dienen, selbstgesetzte Maximen zu überprüfen und die gesellschaftliche Position neu zu bestimmen. Als Dienstleister hat der Architekt sich selbst – und meistens sogar bewusst – in die Enge politischer und gesellschaftlicher Normierungen gebracht. Tatsächlich hat er sich damit aus jeder kulturellen Verantwortung geschlichen.“ Als Treffpunkt für das Symposium galt es am Universitätscampus, unter die bestehenden, von Josef Lackner über den großen Pflanztrögen mit schwarzen bzw. weißen Stahlprofilen in die Luft „gezeichneten“ Kuben, eine temporäre Sommerbar zu entwerfen. Nach einem Wettbewerb unter Studierenden des ersten Entwurfjahres, bei dem Volker Giencke dann „doch einmal helfend, kräftig unter die Arme gegriffen hat“, wurde der so entstandene Entwurf von Markus Anker durch Studierende des Instituts unter Mithilfe der Assistenten Marjan Colletti, Markus Malin und Hannes Stiefel gebaut. Sich dem 1:50 Modell aus Draht und Transparentpapier annähernd, wurde zuerst ein Stützenwald aus schlanken Baumstämmen in unterschiedlichsten Winkeln in die Erde des Pflanztrogs gerammt, grob vorgeformte Bewehrungsnetze mit den durch Bohrlöcher in den Stämmen gesteckten Bewehrungseisen verrödelt, dann Verfeinerungen mit Hasengittern angebracht, Spritzbeton in einer Stärke von 6 cm aufgebracht und dieser schließlich weiß angestrichen. Eine betonierte, zwischen den Stämmen eingehängte Bar mit Glaskühlmöbeln, einem Holzrostboden und eine frei geformte Rollrasenliegewiese im zweiten Pflanztrog perfektionierten diese sinnvolle Infrastruktur am „Forum“, die – gut bespielt – den Sommer lang Treffpunkt war. Seit ich mich erinnern kann, wurde im öffentlichen Raum der Architekturfakultät nie derart „inhaltlich“ Positives, der „Kommunikation“ Dienendes, „gebaut“. Denn die Mensa wurde nach jedem Eingriff furchtbarer. Das kurz nach der Fakultätsgründung im Foyer von Studierenden zusammengeschraubte „Diskussionspodium“ verschwand nach längerer guter Bespielung in die „Privatheit“ eines Zeichensaals, was wohl nicht zufällig mit dem Verebben des politischen Diskurses zusammenfiel. Zur Zeit wird die Fassade „energetisch in Ordnung gebracht“. Ob strukturelle Änderungen, wie die Institute nach „Unten“ und die Studierenden nach „Oben“ zu geben, oder ähnliche Überlegungen angestellt werden, ist mir nicht bekannt. Das Herz der Architekturfakultät bleibt wohl weiter der Kern – mit Stiegenhaus, Liften und WCs! sommerbar 2000

Ein Projekt des Instituts für Experimentelle Architektur der Universität Innsbruck, Prof. Volker Giencke

Entwurf: Markus Anker

Umsetzung: Studierende des Instituts für Experimentelle Architektur unter Mithilfe von Marjan Colletti, Markus Malin und Hannes Stiefel

Statische Beratung: Christian Aste