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Entwurfsstudio 2

OUT OF HANDS?

Wir legen den Fokus auf das Handwerk, als uralte zentrale Idee gemeinsamen Tuns, durchleuchten wir auch gegenwärtige Ableger der Share Economy und DIY Kultur. Das diesjährige Masterentwerfen 2, mit dem Titel „Out of Hands?“, sucht nach Potentialen neuen gesellschaftlichen Miteinanders und nach Möglichkeiten wie Architektur als Transformator für einen postkapitalistischen, neokollaborativen Gemeinsinn unsere Städte und Regionen verändern kann!

Unser Startpunkt wird die Erforschung eines uralten Archivs sein, das knapp 1200 Darstellungen von zahlreichen Herstellungsverfahren und Handwerkserzeugnissen von rund 300 Berufen umfasst. Die Rede ist von den Memorialbüchern der Mendelschen und Landauerschen Zwölfbrüderstiftung in Nürnberg, die vom 15. bis zum Ende des 18. Jahrhundert verfasst wurden. Bis heute gilt die fünf Bücher umfassende Sammlung als umfangreichste serielle Bildquelle zum historischen, vorindustriellen Handwerk in Europa. Die Vielfalt der vertretenen Berufe spiegelt auf der einen Seite den sehr hohen Grad an Spezialisierung und auf der anderen das Aussterben alter und das Aufkommen neuer Handwerke wider. Diese „Hausbücher“ genannten Aufzeichnungen hatten den Zweck "das in einem […] Haus überlieferungswerte Wissen über das Haus selbst und seine Bewohner festzuhalten".

Nicht nur die Hausbücher der Zwölfbrüderstiftung sind einzigartig, auch die Stiftungshäuser selbst etablierten sich als neue, jedoch für die Zeit des Mittelalters überaus fortschrittliche Einrichtungen eines sozialen Kollektivs. Jeweils zwölf nicht mehr voll arbeitsfähigen Handwerkern bot die Stiftung die Möglichkeit, ihren Ruhestand unentgeltlich in diesen Häusern zu verbringen. Die Zwölfbrüderhäuser waren nicht nur Orte, an denen die Handwerker kostenlos wohnen oder arbeiten durften und verpflegt wurden, sie waren auch Orte der Wissensüberlieferung, des lebendigen Austauschs.
Mit dem aufkeimenden frühkapitalistischen System britischer Kolonialisten wurden schleichend sämtliche gesellschaftliche Leistungsbereiche industrialisiert. Die Entkoppelung von Mensch und Umwelt vermochte bereits als krasser Paradigmenwechsel wirksam sein, das Trennen von Werk und Schöpfer aber erst generiert nachhaltige Orientierungslosigkeit und letztlich eine Gesellschaft der Ungleichheit.
Das Neudenken dieser gekappten Beziehungen zu heterogenen Nutzungs- Sozial- und Programmhybriden lässt omnifunktionale Fertigungsgebäude entstehen und transportiert die Idee der 12Brüderhäuser ins das Jetzt.

Nach Richard Sennet sei die Arbeit Zentrum allen Gemeinsinns. Somit auch Identität und Kulturgut selbst, ja Schlüssel allen Miteinanders. Das Werk und sein Erschaffen zeitgemäß zusammenzuführen und das Hinterfragen der Rolle des Produkts als sozial-prozessuales Event kann als Suche nach Anleitungen zu einem neuen Mitweltdenken gesehen werden.

Werk und Produkt, die Hand und der Körper, Lust, Fähigkeit, Können und Begehren bilden das Feld unserer Arbeit. Dem Kanon „Better take all at once“ folgend ist „Out of Hand“ fast ein wenig zurück in die Zukunft, ein Komprimieren zerstreuter Disziplinen und das Wiederzusammenführen dislozierter Beziehungen zu einem heterogenen Schmelz -- architektonisch, typologischer Neuausdruck einer Sozialutopie von damals.

„Out of Hand“ wird in der Galerie Polylog öffentlich ausgestellt und mit Hilfestellungen des Vereins `Netzwerk/Handwerk´ unterstützt werden.

 

 

 

Lehrende:

Christian Dummer
Raffael Schwärzler

Semester:

SOSE 2021

Ort:

Institut ./studio3

Termin[e]:

11.03.2021, 09.00h bis 11.00h
Einführung via Zoom und Einladung per mail